Emotional erpresst

Steffens am 26.11.2008, 10:14 (Gastkommentar)
Steffens
Deutschland
 
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Das, was wir gerade erleben, ist die reinste Trader-Quetsche. Ich möchte nicht wissen, wie viele Menschen hochnervös vor den Monitoren sitzen und sich fragen, ob sie jetzt noch einsteigen oder doch noch auf eine Konsolidierung warten sollen. Soll ich oder soll ich doch nicht. Spätestens wenn man an diesem Punkt angekommen ist, fehlt es dem Trading an Sachlichkeit.
Es gibt einfach zwei Szenarien in einer derartigen Situation
1.       Szenario: Es werden keine Gefangenen gemacht!
Das bedeutet, der Markt steigt und steigt ohne größere Konsolidierungen. Die meisten Anleger warten aber eben genau auf solche Konsolidierungen, um einzusteigen. Eben weil sie denken, dass es, wenn sie jetzt einsteigen, genau das Hoch sein könnte. Fallen diese Konsolidierungen aber aus, werden viele frustriert und von Tag zu Tag immer nervöser werden. Schlussendlich reißen nach und nach die Nerven, und der Trader wird in den Markt gezwungen.
 
2.       Szenario: Wir erleben tatsächlich nur eine starke Short-Squeeze. Das bedeutet, zurzeit springen hauptsächlich die Anleger aus dem Markt, die auf fallende Kurse gesetzt hatten und die ihre Short-Positionen jetzt auflösen wollen oder müssen. Es kommt vielleicht sogar ein, zwei Tage lang auch noch zu Anschlusskäufen, aber dann wird allen wieder bewusst, wie bescheiden die aktuelle Situation aussieht, und all die Bullenträume gehen dahin.
Das Problem
Das Problem ist, man weiß in einer starken Abwärtsbewegung nie (!),  in welchem dieser beiden Szenarien man sich gerade befindet. Erst später, wenn alles vorbei ist und man sich die Charts anschaut, wird es sonnenklar! Wahrlich erleuchtet wird der frustrierte Anleger feststellen, dass er es doch eigentlich die ganze Zeit gewusst hat. Das Komische ist nur, dass genau das bei beiden Szenarien passiert. Der Mensch und seine selektive Wahrnehmung.
Doch es ist nur logisch. Wenn der Dax, wie gestern, um über 10 % ansteigt, fühlt sich jeder schlecht, der nicht dabei ist. Schließlich hätte man doch so schnell so viel Geld machen können! Wie viel Glück dazu gehört, ausgerechnet bei dem letzten Rückgang vom Donnerstag, als die Amis ihre Oktobertiefs nach unten gebrochen haben, eingestiegen zu sein, das wird bei solchen Gedanken außen vor gelassen.
Zerstörerische Gedanken
Und dann gesellen sich all die zerstörerischen Gedanken hinzu: Was ist, wenn der Markt nun doch immer weiter steigt und steigt, und ich bin „wieder“ nicht dabei? Was ist, wenn es nun tatsächlich der Boden war, ich den Einstieg verpasse und eine fulminante Rally startet?
Aber auch: Was ist, wenn ich jetzt einsteige und damit wieder das Hoch erwische und noch mehr Geld verliere - ich hab doch schon in der Krise zuvor so viel Geld verloren?
Das typische Gedankenkarussel!
Nur, das geht nicht nur Ihnen so. Das geht den meisten Anlegern, fast allen, die mit der Börse zu tun haben, in der einen oder anderen Form ähnlich. Und selbst ich, der ich diese Prozesse schon seit Jahren analysiere, beschreibe und mir immer wieder als höchst hinderlich bewusst mache, kann mich schlussendlich nicht von solchen Gedankenwürmern gänzlich frei machen.
Es gibt aber einen kleinen, vielleicht entscheidenden Unterschied. Ich habe in den Jahren an den Börsen gelernt, mich nicht emotional erpressen zu lassen. Es ist die Fähigkeit, solche Tage mitzuerleben, ohne dabei sein zu „müssen“. Einfach in dem Wissen, es kommen jede Woche neue Chancen. Manche sind gut und gehen auf, andere sind schlecht und gehen nicht auf. Dazwischen wird es immer wieder verrückte Tage geben.
Witzigerweise sind in solchen extremen Phasen, wie wir sie gerade erleben, die guten Chancen tatsächlich sehr selten. Hier geht es mehr um Glück und Glücksspiel, denn es kann der Boden sein, es kann aber auch nur eine kurze Erholung bleiben. Es besteht also kein Grund, sich verrückt zu machen. Der Wunsch das Tief erwischen zu wollen, ist für das Traden der falsche Ansatz und zumeist eine schmerzhafte Illusion.

Lassen Sie sich also nicht emotional erpressen, lassen Sie sich nicht von Miss Börse zu etwas hinreißen, was nicht in Ruhe und einer emotional sachlichen, stabilen Situation als Tradingidee von Ihnen analysiert wurde. Die Erfahrung zeigt, dass emotionale Schnellschüsse unter dem Strich auf lange Sicht zu Verlusten führen.
Erste Anzeichen von Stärke!
Das wollte ich loswerden, bevor ich Ihnen folgenden Charts zeige:
Diesen Chart kennen Sie. Er zeigte, dass in dem gesamten Abwärtstrend der letzten Wochen jeder Ausbruchsversuch (blauer Kreis) wieder abverkauft wurde. Das war ein ganz klares Zeichen der Schwäche. Gestern dann kam es zu einem ersten, neuen und höheren Hoch (erster gelbe Kreis), das nicht direkt wieder abverkauft wurde. Dieser stellte zugleich auch einen Trendbruch dar. Anschließend kam es zu einem erneuten Trendbruch, der ebenfalls nicht abverkauft wurde, ein erneutes Zeichen der Stärke. Aktuell muss sich noch zeigen, ob der heutige Ausbruchsversuch ebenfalls nachhaltig wird. Damit wäre eine potenzielle Umkehrformation abgeschlossen (in diesem Fall wären auch die Oktobertiefs im Nasdaq100 und S&P500 zurückerobert).
Mögliche W-Formation?
Und zum Schluss noch der Dax-Chart
 
Der Dax hat, anders als die amerikanischen Indizes, auf den Tiefs vom Oktober gedreht. Man kann jetzt eine mögliche W-Formation einzeichnen. Nur leider ist diese nicht ganz idealtypisch. Die Abwärtsbewegung vom Zwischenhoch ist nicht so dynamisch verlaufen, wie die Aufwärtsbewegung zu diesem Zwischenhoch hin. Das rechte Tief des Ws ist damit zeitlich nach rechts versetzt. Diese fehlende Symmetrie war auch der Grund, warum ich dieses Szenario bisher nicht als mögliche Option ins Spiel gebracht hatte.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sich trotz dieses verunglückten rechten Tiefs eine W-Formation ergibt, ist immerhin gegeben. Sehr häufig führt allerdings diese „Verunstaltung“ zu einer Seitwärtsbewegung, statt zu einem nachhaltigen Trendwechsel. Auch kommt es häufig frühzeitig zu einer Fortsetzung der Abwärtsbewegung. Also wirklich bullisher wird diese Formation erst, wenn die 5.300-Punkte-Marke nachhaltig überwunden wird. Bis dahin ist alles offen.
Warten wir ab, was weiter passiert. Zumindest gibt es erste Zeichen der Stärke, und die amerikanischen Indizes versuchen gerade die Tiefs aus dem Oktober nach oben aufzulösen. Ich bin gespannt.
Viele Grüße
Ihr
Jochen Steffens
Steffens am 26.11.2008, 10:14
Der Text ist die persönliche Meinung des Autors und spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung von sharewise wider.
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