Die weltweiten Börsen haben es vorweggenommen: der MSCI World erreichte 2007 sein vorläufiges Hoch und befindet sich seit Mitte 2008 im freien Fall. Jetzt hat die Weltbank vor einer globalen Rezession in 2009 gewarnt und bestätigt damit sozusagen die „Prognose“ der Börsen. So soll die globale Wirtschaft zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg schrumpfen. Der Welthandel soll sogar den stärksten Rückgang seit 80 Jahren verzeichnen.
Qelle: Market Maker
Düstere Prognosen, keine Frage. Aber als Börsianer sollten Sie sich immer darüber bewusst sein, dass der Chartverlauf des MSCI World genau dieses Szenario mit Vorlauf darstellt. Wir sehen nun in der Wirtschaft das ankommen, was die Aktienmärkte bereits erwartet haben. Und somit wird er auch schon bevor die Wirtschaft sich stabilisiert, wieder anfangen zu steigen.
Stärke in der Schwächephase
Wir sind Spekulanten, Investoren und Trader. Uns dürfen die schlechten wirtschaftlichen Nachrichten, die düsteren Prognosen und die ängstlichen Kommentare, die jetzt über uns hereinbrechen und so versuchen unser Empfinden schwarz zu malen, nicht beeinflussen. Es gilt zu verhindern, dass wir in den Chor der Depressiven, Untergangsgläubigen, Verzweifelten und Ängstlichen eintreten und damit Lieder singen, die wir nicht selber geschrieben haben.
Wir haben leider die schwere Aufgabe, am besten genau einen Tag vor dem vermuteten Weltuntergang unser letztes Apfelbäumchen zu pflanzen. Sprich, wir müssen dann, wenn die Wirtschaftskrise ihren Höhepunkt erreicht, kaufen. Und die Stärke genau das zu tun, diese Zuversicht unterscheidet einen erfolgreichen wohlhabenden Investor von einem armen Lemming.
Was passiert 2010?
Die Fragen, die uns nun beschäftigen müssen, lauten: Was passiert im nächsten Jahr? Kann sich die Weltwirtschaft zumindest kurzfristig erholen? Wann werden die Börsen beginnen, eine solche Erholung vorwegzunehmen? Und leider natürlich auch die Frage, ob diese Erholung überhaupt ausreichen wird, die Kurse überhaupt zu stabilisieren.
Ich habe Ihnen am Freitag dazu eine Daxprognose vorgestellt. Das ist eines der möglichen Szenarien, doch die Augen muss man jederzeit weit offen halten, um einen Einstieg nicht zu verpassen.
Und hier lauschen wir hoffnungsfroh den Worten unseres Notenbankchefs Jean-Claude Trichet. Dieser sagte auf einer Sitzung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, dass die EZB mehrere Hinweise darauf hätte, die darauf hindeuten, dass wir uns dem Zeitpunkt einer Erholung nähern.
Als Grund fügte er hinzu, dass am Markt vielfach der Einfluss der niedrigen Rohstoff- und Ölpreise unterschätzt wird.
Viele Einflüsse wirken sich stützend aus, nur wann?
Es gibt natürlich eine Vielzahl von Faktoren, die sich zurzeit unterstützend auswirken: Die Konjunkturprogramme, die niedrigen Zinsen, die niedrigen Rohstoff- und Ölpreise, keine Frage. Sogar die Konsumzurückhaltung kann zu einem Potenzial werden, wenn es zu einem Konsumstau gekommen ist und dringend notwendige Anschaffungen zunächst zurückgestellt wurden. Dazu ist es wohl aber noch zu früh. Aber die anderen Faktoren sind bekannt und wirken schon länger. Die Frage ist also vielmehr: Wann werden diese positiven Faktoren, die bisher negativen Faktoren kompensieren.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich, wie hier in den letzten Wochen dargestellt, in den US-Konjunkturdaten immer mehr eine Stabilisierung abzeichnet. Ich schätze, dass auch die EZB über Daten verfügt, die auf eine solche Stabilisierung hinweisen und so die Aussage von Trichet zu erklären ist. Aber man hört auch von der Deutschen Bank, die sich heute sehr zufrieden mit ihrem Ergebnis in den ersten Monaten dieses Jahres zeigte, dass sich der Finanzmarkt zu entspannen scheint.
Zeitversetzte Wirkung
Eine etwas seltsame Entwicklung der Börsen erkennt man, wenn sich nach einem sehr anhaltenden Kursverfall entscheidende Tiefs ausbilden: Oft fallen die Märkte noch eine Weile, obwohl sich bereits erste klarere Hinweise auf eine Erholung ergeben haben. Gerade als antizyklisch handelnder Investor ist man also verleitet, zu früh einzusteigen.
Diese zeitliche Verzerrung hat damit zu tun, dass sich bei den Anlegern, die Aktien oder Fonds besitzen, sich aber die meiste Zeit nicht um die Börse kümmern, die Angst meistens erst viel später einstellt. In der ersten Zeit der Krise wollen diese sich gar nicht mit dem Thema beschäftigen. Es erscheint zu aufwändig und zu mühsam. Erst wenn diese Anleger auch in der Boulevardpresse nicht mehr von den Untergangszenarien verschont bleiben, werden sie handeln. Sprich: ganz am Schluss.
Leider haben wir noch keinen Indikator, der das Verhalten der Unerfahrenen untersucht. Aber wenn Bäcker, Taxifahrer, entfernte Verwandte und längst verschollen geglaubte Bekannte Ihnen erzählen, dass sie nun alle Aktien, Fonds und fondsbasierten Lebensversicherungen verkauft haben, weil das doch offensichtlich Teufelszeug sei, ist das zumindest ein Hinweis. Darauf warte ich noch, obwohl sich schon erste gemeldet haben...
Viele Grüße
Jochen Steffens
Steffens am
09.03.2009, 18:58
Der Text ist die persönliche Meinung des Autors und spiegelt nicht zwangsläufig die Meinung von sharewise wider.